Spotguide Rügen – Kitesurfen auf der Ostseeinsel

Spotguide Rügen

(erschienen im Kiteboarding.eu Magazin – Sommer 2009)

Ich muss nicht lange überlegen, als ich eine Einladung der langjährigen Pensionswirte meiner Eltern im Briefkasten finde. Rügen bedeutet mir viel: lange Feriensommer, endlose weiße Sandstrände, versteckte Buchten, reetgedeckte Häuser, Fischer, die ihre Netze am Hafen flicken, Erholung, Salz, Sonnencreme und Wind. Ich reiche meinem Chef den Urlaubsantrag ein, packe meine Klamotten und mache mich auf den Weg nach Nordosten.

Kitesurfen Insel Rügen

Die Sonne kämpft sich durch den Nebel des Frühsommers, als sich hoch und mächtig der neue Rügendamm vor mir aufbaut. Angler stehen auf der alten Dammbrücke, weiße Schaumkronen überziehen die Ostsee. Ich werde nervös – Wind! Kurzerhand entschließe ich mich gegen den direkten Weg in mein Bett und biege Richtung Garz und Rosengarten ab. Rosengarten ist einer der beliebtesten Kitespots der Insel. Es ist ein riesiges Stehrevier, das fernab von Urlauberhochburgen und überfüllten Stränden

liegt. Ich holpere den langen Feldweg entlang und sehe die ersten Kites schon am Himmel stehen. Auf der Wiese baue ich auf, lasse mir noch einige Hinweise zum Revier geben und schon bin ich auf dem Wasser. Einzig eine Steinmole im Einstiegsbereich gilt es sicher zu umfahren. Vis-a-vis liegt die Insel Vilm, am Horizont erhebt sich die Steilküste der Halbinsel Zudar.

Es dämmert, als ich vom Wasser komme. Wohlige Erschöpfung macht sich In mir breit, während ich mich auf die letzten Kilometer in Richtung meiner Pension begebe, vorbei an den altehrwürdigen Seebädern. Mein Ziel lautet „Gager“ auf der Halbinsel Mönchgut. Spät erreiche ich die Unterkunft, der Schlüssel zur Ferienwohnung steckt und ein Zettel klebt an der Tür: „Frühstück um neun Uhr, herzlich Willkommen!“ Es fühlt sich an wie nach Hause kommen, denke ich noch. Dann drehe ich mich um und falle in einen tiefen, traumlosen Kiterschlaf.

Kitesurfen am Ostseestrand von Lobbe

Tags darauf regt sich entgegen aller Vorhersagen kein Lüftchen. Ich schnappe mir einen Kaffee, mache es mir auf der Terrasse bequem und plane, mich später mit einem Rügen-Local zu treffen. Haiko Ist auf der Insel geboren, ein begeisterter Kiter und Inhaber der Schule „Proboarding“ in Klein Zicker. Er bietet nicht nur Kitekurse sondern auch wunderschöne Ferienwohnungen in Wassernähe an. Haiko erzählt mir von den Spots auf Mönchgut: „Als Kiter hast du die Möglichkeit, in Thiessow oder Lobbe auf der Ostsee zu kiten oder aber dich auf dem Bodden auszutoben.“ Sein hohes Engagement, wenn es darum geht, die hiesigen Spots für Kiter zu erhalten, ist sofort spürbar. Er hat mit mehreren Gemeinden Vereinbarungen treffen können, die es den Kitern ermöglichen, trotz der strengen Regulierungen im Biosphärenreservat Rügen ihrem Hobby nachzugehen. Er weist mich darauf hin, dass ich prinzipiell an jedem Strand starten könne, solange ich immer darauf achte, die vielen Schilfgürtel strikt zu meiden. Zudem ist es im Sommer an den meisten Stränden der Insel erst nach 18 Uhr erlaubt zu kiten. Da für heute sowieso kein Wind mehr erwartet wird, verabreden wir uns für den nächsten Tag zu einer gemeinsamen Session.

Kitesurfspot in Gager am Greifswalder Bodden

Erst am Nachmittag des kommenden Tages schmeißt der Himmel seine Turbinen an. Als ich Lobbe erreiche, ist Haiko schon vor Ort. Lobbe ist ein wunderbarer Ostseespot, der durch vorgelagerte Sandbänke großflächig stehtief ist. Leider hat der Wind nicht genug Kraft und wir wechseln auf die andere Seite nach Middelhagen am Bodden. Wir messen 16 Knoten und bauen auf. Middelhagen ist nur im vorderen Bereich stehtief; erreicht man aber die andere Seite, erstreckt sich dort eine große Sandbank und glasklares Wasser gibt die Sicht bis auf den Grund frei. Der Wind hat jedoch weiter Startschwierigkeiten und weht reichlich böig. Je höher aber die Sonne schraubt, desto beständiger wird er. Erschöpft, zufrieden und glücklich kommen wir erst spät wieder vom Wasser. Ich packe meinen Stuff zusammen und lasse den Blick ein letztes Mal über den Bodden schweifen. Der Wind soll am Folgetag mehr auf Nordost drehen und im Norden Rügens gibt es dann perfekte Wellen wie Haiko noch erwähnt, bevor sich unsere Wege trennen.

Kitesurfer in Aktion auf Rügen

Die Gardinen am Fenster bauschen sich bereits im Morgengrauen. „Klappt doch“, denke ich bei mir. Eine Dusche und eine Tasse Kaffee später holpere ich auch schon über die alte Dorfstrasse und grüße die Damen des Hauses, die in der Einfahrt stehen und einen morgendlichen Schwatz halten. Dann biege ich auf die Straße Richtung Norden ab. Auf Rügen sind die Entfernungen zwischen den Spots zwar nicht wirklich groß, dennoch muss man etwas mehr Zeit als gewohnt einplanen. Die alten Alleen sind kurvig und eng, viele Touristen sind unterwegs zum Jagdschloss in Granitz, zum Flanieren nach Binz oder zu einer Wanderung an der langen Kreideküste. Der Nordostwind nimmt zu, je weiter ich nach Norden gelange. Ich werde heute kiten bis zum Umfallen, denke ich. Vorher steht aber noch eine Verabredung in Suhrendorf bei „Windsurfing Rügen/Kite Island“ auf dem Programm. Daniel begrüßt mich mit einem breiten Lächeln und erklärt mir das Revier auf der Halbinsel Ummanz.

Das Rügen Surfhostel bietet quasi ein ,,AII-inclusive“-Paket an. Direkt am Spot befinden sich dort nicht nur eine Kiteschule sondern auch Unterkünfte verschiedener Kategorien. Nach der Session kann man im Rügen Surfhostel bei Pizza und Bier den Sonnenuntergang genießen und die Tricks des Tages mit den Freunden diskutieren. Regelmäßig gibt es auch Konzerte lokaler Bands – Kiten, ChilIen, Feiern, es ist alles an einem Platz.

Ostseestrand von Lobbe

Suhrendorf hat eine große ausgewiesene Kitezone, die es ermöglicht, mitten im Biosphärenreservat zu kiten. Ich werde darauf hingewiesen, dass die Kiter sehr stolz darauf sind, mit den Naturschützern dieses Abkommen getroffen zu haben. Der, Spot sei bei Verletzung der Vorschriften aber immer noch gefährdet. Da in Suhrendorf der Nordostwind ablandig weht, verzichte ich für heute darauf, vor der grandiosen Kulisse der Insel Hiddensee zu kiten und fahre weiter nach Mukran.

Ich habe mich dort mit alten Bekannten verabredet, den Kitenoobs. Dieser verrückte Haufen unermüdlicher Frühaufsteher bietet eine wunderbare Plattform für Anfänger, Aufsteiger und all diejenigen, die es bevorzugen am Wochenende vor dem großen Pulk der Kiteszene ihre Runden auf dem Wasser zu ziehen. Die Gemeinschaft um ihren Gründer Christian Nagel ist so enorm gewachsen, dass die Arbeit inzwischen auf mehrere Schultern verteilt werden muss. Die Noobs verlassen Sich dabei auf ein gut funktionierendes „Paten-System“, welches gewährleistet, dass die legendären „Anfänger – und Frühsessions“ an den Wochenenden von einem Spotkenner betreut werden. Dieser liefert dann Hinweise zu örtlichen Besonderheiten, gibt Tipps und Wirft immer ein Auge darauf, was auf dem Wasser passiert. Es ist faszinierend zu sehen, welchen Stellenwert die Noobs im Norden Inzwischen bei vielen Anfängern und Aufsteigern haben. Die Idee, Kite-Anfängern durch die Anwesenheit Gleichgesinnter Sicherheit zu vermitteln, ist einfach einzigartig. Mukran bietet bei Ostwind nicht nur eine atemberaubende Kulisse mit dem nahe liegenden Fährhafen, es laufen dort auch die schönsten Wellen der Insel. Die vorgelagerte Sandbank sorgt für einen recht anspruchsvollen Shorebreak. Ist dieser allerdings überwunden, wird man mit sauber laufenden

Kitesurfaktion Insel Rügen

Wasserbergen belohnt. Leider dreht der Wind an diesem Tag weiter auf Nord und wird zu schwach. Wir überlegen kurz und beschließen, auf den Bodden zu fahren. Für Flachwasser sollte es noch reichen. Die Schirme Ins Auto, das Handtuch über den Sitz und die Karawane windsuchender

Menschen macht sich auf den Weg nach Banzelvitz am Jasmunder Bodden. Banzelvitz ist ein beliebter Spot im Norden, wenn der Wind aus östlichen Richtungen kommt. Aufgebaut und gestartet wird auf der Wiese. Dann geht es durch eine in das Schilf geschlagene Schneise aufs Wasser.

Auch in Banzelvitz sollte ein ausgiebiger Abstand zum Schilfgürtel gehalten werden. Oberhalb von Banzelvitz gibt es den Campingplatz „Banzelvitzer Berge“. wo man übernachten und warm duschen kann. Den Rest des Tages amüsieren wir uns im kabbeligen Wasser des Jasmunder Boddens. Trotz der 30 Schirme am Himmel hat jeder ausreichend Platz h.ir die ersten Schritte oder das Erlernen neuer Tricks. Auf dem Rückweg sehe Ich dann in Lobbe Kites am Himmel. Ich mache Halt und laufe an den Strand hinunter. Dieser Spot liegt südlich von Mukran auf Mönchgut und stellt bei östlichen Windrichtungen eine gute Alternative dar. Allerdings nur in der Nebensaison, da das Kiten im Sommer erst erlaubt ist, wenn die Badegäste schon beim Abendessen in den Restaurants sitzen. Es ist kalt geworden und ich beschließe,  es beim Fotografieren zu belassen. „Was für ein Urlaub!“, schießt es mir durch den Kopf, als ich den Zündschlüssel umdrehe. Fast jeden Tag verwöhnt von Wind und Sonne. Die Spotvielfalt  auf Rügen ist einzigartig und dank der zahlreichen Ausweichmöglichkeiten muss man sich das Wasser nie mit mehr als fünf Kitern teilen. Ist man dem Cruisen und Springen auf offener See oder auf dem Bodden überdrüssig, kann man auch Kultur tanken, lesen, mit Inlineskates die Deichlandschaft erkunden, Golf spielen, Freibäder besuchen, die imposanten Seebäder mit ihrer außergewöhnlichen Architektur bestaunen oder einfach den Schwänen hinterher schauen. Auf Rügen wird das Kiterherz verwöhnt,  gerade weil es junge engagierte Menschen wie Haiko, Daniel oder Florian gibt, die jeden Winter mit den Naturschützern und den Gemeinden an einem Tisch sitzen und für die Spoterhaltung viel Kampfgeist den Tag legen.

Mein letzter Tag ist angebrochen. Ich bin sehr früh wach und denke nicht lange nach, als ich die Birke vor dem Haus schwanken sehe. Diesmal baue den Kite gleich im Garten der Pension auf. Dann muss ich nur noch über die Mole und finde einen Einstieg auf den Bodden. Noch vor dem Frühstück ziehe ich einsame Runden und döse während der Mittagszeit, um pünktlich zum zunehmenden Nordostwind wieder zusammen mit den Jungs von Proboarding auf den Bodden vor Gager zu gehen. Gager ist einer Schulungsspots auf Mönchgut. Aufgebaut wird dort an der Hafenmole. Dann gelangt man über einen steinigen Einstieg ins Wasser und startet dort. Wer nicht selbstständig in die Schulungszone hinaus fahren will, kann sich von Proboarding mit einem Boot auf eine einsame Sandbank bringen lassen. Das Wasser ist durchgehend knietief und glasklar.

Kitesurfen lernen mit der KItesurfschle ProBoarding Rügen

Nach der Session schmeiße ich meinen Kram ins Auto, verabschiede mich von meinen liebevollen Herbergseltern und fahre nach Dranske. Dort will ich mir die Kiteschule von „Dr. Kite“ anschauen. Ein Stehrevier empfängt mich. Florian ist der dritte engagierte In dieser Woche treffe. Er ist Eigentümer der in Dranske ansässigen Kiteschule. Im Gespräch mit ihm merke ich deutlich, wie sehr den Jungs hier oben die Spoterhaltung, das Meer, die Natur und ihr Sport am Herzen liegen. Dr. Kite arbeitet eng mit dem nahegelegenen „NoHotel“ zusammen, ein Hostel mit viel Charme, welches in den vergangenen Jahren vom Soldatenhelm zur Surferherberge umgerüstet wurde. Preiswert, praktisch und dank Rundumbetreuung sehr familiär. In Dranske können sowohl Kitekurse belegt, als auch Kanuausflüge gebucht oder Fahrräder gemietet werden. Der Spot besticht durch seine Ursprünglichkeit. Der Einstieg ist etwas eng, und eine Seebrücke beschränkt den Platz zusätzlich, doch dann findet sich unendlich viel Platz. Schulungen finden in Dranske deshalb weit draußen auf dem Bodden statt, dort wo keine Hindernisse stören und den Schülern maximale Sicherheit geboten wird. Dr. Kite setzt wegen des engen Einstiegs auf ein Shuttle-Boot, mit dem die Schüler auf den Bodden gefahren werden. Kommt der Wind von Westen, weicht die Schule nach Wieck auf der anderen Seite des Boddens aus. Nach einer letzten Stunde auf dem Bodden sitze ich in der Sonne, lasse mir einen Sanddornsaft schmecken und die vergangene Woche vor meinem inneren Auge vorbeirauschen. Gewappnet für die kommenden Wochen in der brodelnden Großstadt sattele ich das Gefährt und begebe mich zurück in Richtung grauer Asphalt.

Top Links für den nächsten Urlaub auf der schönen Ostseeinsel Rügen.

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